Für Matt Lange – Musiker, Produzent, Sounddesigner, Komponist und DJ – dreht sich alles um musikalisches Schaffen und Experimentieren. Bekannt für seine Liebe zum Detail, seinen trockenen Humor und seinen Ideenreichtum, schafft er dunkle, atmosphärische elektronische Musik voller ursprünglicher Energie und Intensität. Aufgrund dieser Komplexität und Vielschichtigkeit wurde Deadmau5 auf den Musiker aufmerksam. Er nahm Lange unter Vertrag und veröffentlichte 2015 als Debütalbum das substanzreiche Ephemera.
Lange stammt aus New York. Musik war schon immer seine Leidenschaft, im Alter von vier Jahren begann er, Klavier zu spielen. Während seiner Gymnasialzeit war er Mitglied eines ambitionierten Knabenchors, später spielte er mit einer Punk-/Metal-Band in schummrigen Clubs in der Lower East Side. Er ist von verschiedensten Richtungen beeinflusst. Eigenen Angaben zufolge haben Dream Theatre, Nine Inch Nails und Aphex Twin das Feuer in ihm entfacht. Sein Wunsch war es, eigene Demos aufzuzeichnen. So kam er zu Pro Tools.
Vor Kurzem hat Matt Avid in sein Heimstudio eingeladen, um über seine Karriere, Aufnahmen und Musikproduktion zu sprechen.
Sie sind in New York aufgewachsen und haben ungefähr im Alter von vier Jahren begonnen, Musik zu machen. Ist das richtig? Können Sie mir etwas über Ihre musikalischen Anfänge erzählen und berichten, wie Sie zur Tontechnik und Musikproduktion gekommen sind?
Meine Eltern wollten, dass ich Klavierspielen lerne, als ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt war. Wie alle Kinder hatte ich nie Lust, zu üben. Ich wollte rausgehen und draußen spielen. Es hat mich nicht so gepackt, wie ich mir das heute wünschen würde. Später in der Schule dann habe ich ein bisschen Flöte gespielt, vor allem aber habe ich sechs Jahre in einem Knabenchor gesungen. Das war eine intensive Erfahrung: sechs Jahre üben, dreimal pro Woche, und dann jeden Sonntag in der Messe singen. Als ich in den Stimmbruch kam, wandte ich mich der Gitarre zu, die bis heute mein Lieblingsinstrument geblieben ist. Irgendwann spielte ich dann in einer Band, einer Art Hardcore-Metal-Punkrock-Band. Ich suchte nach einer Möglichkeit, Demos aufzunehmen, das war für mich der Einstieg in die Musikproduktion. Ich habe damals mit einer sehr frühen Version von Sibelius gearbeitet und konnte so Songideen für die Band umschreiben. Zuvor war ich mit 13 Seiten handgeschriebener Noten mit Taktwechseln in jedem Takt dahergekommen – damals fuhr ich total auf Dream Theater ab.
Was haben Sie damals sonst noch gehört?
Tool natürlich. Opeth, Converge, NIN, aber ich fand auch Aphex Twin, Squarepusher … cool, die Leute bei Warp Records, IDM-Bereich. Da ich mich sehr dafür interessierte, Demos aufzunehmen, wollte ich herausfinden, wie ich Beats programmieren und meine eigenen kleinen Demos machen kann. So kam ich an das Berklee-College.
MP&E? (Musikproduktion und Tontechnik)
Nein, Music Synthesis (elektronische Musik). Eigentlich wollte ich MP&E machen, aber dann erfuhr ich, dass Music Synthesis im Prinzip das war, was ich bereits in rudimentärer Form machte. Man schreibt und entwickelt eigene Musik, aber digital. Im Fachbereich Music Synthesis saß niemand an einem SSL. Es ging viel mehr um Komposition. Mir wurde schnell klar, dass man bei MP&E eigentlich die ganze Zeit andere Leute aufnimmt, und das war nichts für mich. Der Bereich Music Synthesis war es, der meine Leidenschaft für Sounddesign entfacht und eine Kreativität in mir geweckt hat, von der ich zuvor noch nichts geahnt habe. Außerdem bin ich dort zum ersten Mal mit dem Schreiben von Musik zu Bildern in Berührung gekommen. Das hat mir in den vielen Jahren seitdem wirklich sehr geholfen.
Verwenden Sie überhaupt eine Konsole oder arbeiten Sie komplett ohne Mischpult? Haben Sie eine Bedienoberfläche?
Das Mixen erfolgt ganz ohne Mischpult. Aufgenommen wird am Mischpult. Ich mag die Vorstellung, dass man die bestmögliche Aufnahmekette bekommt … man kann auch so viele Dinge wie möglich am Mischpult aufnehmen, damit man eine organische und eine menschliche Komponente erhält. Wenn die Aufnahme im Kasten ist, wird im Prinzip alles zerteilt, durcheinander gewürfelt und vernichtet. An einer Konsole wäre das ziemlich schwierig, wenn man bedenkt, dass einige meiner Spuren problemlos 150 Kanäle beinhalten können. Ich bräuchte eine große Konsole und einen entsprechenden Raum dafür.
Und eine starke Klimaanlage.
(lacht) Ja, und die Stromrechnung würde viel höher ausfallen! Ich habe vor ein paar Jahren darüber nachgedacht, mir ein S3 anzuschaffen, aber ich habe keinen Platz dafür. Alles ist belegt. Überall Instrumente und Keyboards.
Wir haben über Aufnahmetechniken gesprochen, dabei haben Sie knirschende Blätter bei einer Spur erwähnt. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Durch Experimentieren. Der Gedankengang war etwa so: Magnolienblätter, die wirklich dick sind, haben einen starken, scharfen Transienten. Sie lassen sich prima bearbeiten. Ich habe eine ganze Armee von Distortion-Pedalen zur Verfügung. Jedes klingt ein bisschen anders. Etwas mit wirklich deutlichen Transienten wird im Gegensatz zu einem weicheren Blatt (wenn Sie so wollen) nicht so ergreifend klingen. In dem Moment, in dem Sie Distortion- oder Fuzz-Pedale anwenden, werden die Lücken mit Knistern, Brummen und Zischen gefüllt.
Ich habe mir also überlegt … warum nicht? Ich nehme einen Sound, der mir gefällt und wende jedes einzelne darauf an. Das hat etwas Magisches, beim integrierten Mixing gibt es das nicht. Es ist magisch, Audio über Transistoren, Schaltungen und Iron zu senden. Viele Freunde von mir befinden sich tief im digitalen Wurmloch. Sie werden sagen, dass es aus wissenschaftlicher oder technischer Sicht keinen Unterschied gibt. Alles kann modelliert werden. Sie sind schlauer als ich, aber meine Ohren sagen etwas anderes. Vielleicht mache ich mir selbst etwas vor, aber ich denke, es gibt da diesen X-Faktor. Vielleicht ist es einfach nur die physische Interaktion. Es ist so viel persönlicher, wenn Sie mit den Fingern den Regler am Fuzz-Pedal betätigen.
Lassen Sie uns über Deadmau5 sprechen …
Die Sache mit Joel. Die A&R-Abteilung von Mau5trap hatte sich an meinen Manager gewandt, nachdem sie einige von meinen Stücken gehört hatten. Sie wollten wissen, ob ich daran interessiert wäre, einige meiner Arbeiten unter dem Label zu veröffentlichen. Ich sagte, klar. Ich habe ihnen eine Menge Spuren geschickt, dann war etwa 8 Monate Funkstille. Eines Tages sprach mich aus heiterem Himmel Deadmau5 auf Twitter an und meinte, er habe meine Spur Scorched Earth Policy – er verwendete nur die Initialen – gehört. Er meinte, er finde das Stück toll und werde es groß herausbringen. Zwei Stunden später war der Plattenvertrag da. Es ging wirklich schnell.
„Scorched“ war eine Single, die zu einer Sammlung gehörte, und sie nahmen mich für eine EP unter Vertrag. Ich machte ihnen ein Angebot und gab ihnen stattdessen ein Album. Das war Ephemera. Es wurde auf Vinyl herausgebracht, damit wurde ein Traum wahr. Danach kam Patchwork.
Es gibt so viele Möglichkeiten, kreativ zu sein, Sie könnten Kinderbücher schreiben. Was treibt Sie an? Warum Musik?
Erstens würden Sie sicher nicht wollen, dass ich Kinderbücher schreibe.
Um auf Ihre Frage zurückzukommen, es ist eine Art Drang. Es gibt keine logische Erklärung dafür, warum ich das mache, was ich mache. Es ist einfach so, dass ich es tun muss. Musik ist das Einzige, was ich mein Leben lang aktiv betrieben habe. Ich wüsste nicht einmal, was ich sonst tun sollte. Ich denke mal, es wäre irgendetwas Kreatives. Meine Eltern sind Künstler. Musik war immer meine Sprache. Ich mache meine Erfahrungen in der Welt und meine emotionalen Reaktionen auf alles kommen in meinem kreativen Schaffen zum Ausdruck. Ich sehe das nicht als Arbeit an. Es ist mein Leben. Ich habe eine Möglichkeit gefunden, mein Leben zum Beruf zu machen. Ganz ehrlich ist es das Einzige, was mir wirklich wichtig ist.
Meine Leidenschaft für Musik fing an, als ich auf das Gymnasium ging. Ich war zwar als Chorsänger groß geworden, doch hatte ich nie die einschneidende, reinigende Erfahrung gemacht, in einer Band vor Publikum live Gitarre zu spielen.
Wann haben Sie als DJ angefangen?
Oje, das war in meinen 20ern. Ich hatte Freunde in der Dance-Branche und dachte mir ... mir stehen einige Türen offen, ich sollte hinter Tür Nummer drei schauen. Das habe ich getan, aber das Problem mit Tür drei ist, dass einige Leute hinter der Tür ziemlich schrecklich sind. Doch ich hatte diese Vorstellung in meinem Kopf: Wenn ich schon Zugang zur Dance-Musik habe, wäre es doch ganz gut, dort einzusteigen, etwas Dance-Musik zu machen, mir im Idealfall eine Fangemeinde aufzubauen und dann wieder meine schräge elektronische Musik zu machen. Das war die Idee, als ich 23 war. Als ich älter wurde, brachten einige der Aufnahmen, die ich herausbrachte, DJ-Angebote ein. Ich habe also angefangen, zu reisen, und bin dann nach LA umgezogen, als dies karrieretechnisch sinnvoll war. Dann fing ich an, viel zu reisen. Dabei habe ich eine Begeisterung für die Arbeit als DJ entdeckt, die ich zuvor noch nicht erlebt hatte. Ich war gespalten. Ich liebe es, überall auf der Welt Freunde zu haben und zu reisen, aber ebenso möchte ich meinen Wurzeln treu bleiben. Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zu finden, keine Seite darf überhandnehmen. Ich kann sehr besessen sein und einen Monat an einem Song arbeiten, alles andere bleibt dabei auf der Strecke. Dann denke ich wieder … Ich muss als DJ arbeiten und unterwegs sein, aber ich muss auch dieses avantgardistische Rock-Zeug herausbringen, mit dem sich kein Geld machen lässt. Ich trage eine Menge existenzielle Diskussionen mit mir aus.
Wie lösen Sie kreative Blockaden?
Manchmal genügt es, einfach rauszugehen. Ich meine nicht, zu campen. Manchmal ist es am sinnvollsten, die Arbeit liegen zu lassen. Man braucht ein Leben außerhalb, sonst gibt es nichts, worüber man schreiben kann. Ich muss rausgehen, Leute treffen, mit Freunden zusammen sein. Auch die Instrumente zu wechseln, kann effektiv sein. Ich persönlich fühle mich von einem Computer nicht inspiriert, ein Instrument ist da sehr wichtig. Ich greife zur Gitarre, aber wenn das nicht funktioniert, kann ich mich auch ans Klavier setzen. Ob ein Rhodes oder ein Klavier, die Instrumente werden mich dazu bringen, verschiedene Dinge zu spielen. Allein durch ihre bloße Körperlichkeit, ihre Bauweise, die Stimmung ... das alles wird mich verändern. Ich habe mir gerade ein Cello gekauft, das ist eine ganz neue Erfahrung. Ich weiß nichts über dieses Instrument, außer, wie es klingt. Als Gitarrenspieler bin ich nicht ganz hilflos im Umgang damit. Für meine Zwecke genügt es. Das Instrument hilft mir, das, was ich tun möchte, in einen neuen Kontext zu bringen. Es hat etwas Magisches, ein anderes Instrument zu spielen, besonders, ein neues. Es ist, als wäre man wieder ein Kind. Man weiß nicht, welche Möglichkeiten das Instrument bietet oder was man selbst mit dem Instrument machen kann.
Wie geht es für Sie weiter?
Ich bin viel unterwegs und versuche, dieses Jahr zwei Alben fertigzustellen. Eine Club-Aufnahme namens Dichotomy, das andere ist alternativer. Damit kann ich mich erst wieder befassen wenn das Club-Album fertig ist. Zum ersten Mal seit Jahren versuche ich wieder, mit externen Sängern zusammenzuarbeiten. Das Ganze ist vielschichtig, daher dauert es länger. Bis alles fertig ist, wird es Ende des Jahres sein und dann, wer weiß? Ich habe aufgehört, Pläne zu machen, denn das Leben passiert einfach.
