Bereits mit 13 Jahren wusste Simon Franglen, dass er Komponist werden wollte. „Ursprünglich haben zwei Dinge mein Interesse geweckt“, überlegt er. „Erstens eine BBC-Dokumentation von Humphrey Burton über die Entstehung der West Side Story. Leonard Bernstein hatte eine neue Version mit Kiri Te Kanawa und José Carreras geschaffen. Da war dieses unglaubliche Orchester und der davor auf und ab hüpfende Leonard Bernstein – es war magisch.“
Und zweitens? „Mein Vater hatte ein billiges Spulentonbandgerät von Akai“, erinnert er sich. „Ich fand heraus, dass ich einen Ton über einen anderen Ton legen und von einer Spur auf eine andere übertragen konnte.“
Dann kam der Taschenrechner Casio FX-502P. „Irgendjemand bei Casio hatte beschlossen, dass es auch möglich sein sollte, in diesem Rechner Noten zu programmieren“, erklärt er. „Man konnte für zwei Zehntelsekunden ein A und dann für eine Viertelsekunde ein C spielen usw. Ich fand heraus, dass ich auf dem Casio FX-502P richtige Sequenzen erstellen konnte.“
Für Franglen hat sich die Technologie seitdem unglaublich weiterentwickelt. „Im Laufe der Jahre bin ich von einer 2 Tonnen schweren Synthesizerausrüstung mit einem Synclavier – damals habe ich in LA noch selbst bei Aufnahmen gespielt – zu den heutigen Studios mit ein paar Mac Pros übergegangen. Ich verwende so gut wie keine Hardware, alles ist integriert, mit 32 TB NVMe-RAIDs für die Sample-Bibliotheken.“
Eines aber ist gleich geblieben – Wir brauchen schriftliches Notenmaterial. „Beim Musizieren im Ensemble müssen alle wissen, welche Noten sie spielen oder singen sollen“, erläutert Franglen. „Hier kommt die Notation – und damit Sibelius – ins Spiel.“

Das Power-Duo Sibelius und Pro Tools ist mittlerweile ein wirklich wichtiger Faktor für den Erfolg von Franglen geworden. „Um beide zu verbinden, verwende ich ReWire“, erklärt er. „Pro Tools und Sibelius laufen bei mir auf demselben Rechner, für die Anzeige verwende ich aber verschiedene Bildschirme. Der Bildschirm, den ich für Sibelius verwende, lässt sich vertikal um 90 Grad drehen.“
„Natürlich ist die neue Funktion für intelligenten MIDI-Import erstaunlich gut. Die Verbindung meiner MIDI-Daten in Pro Tools mit der Notation in Sibelius ist jetzt etwas ganz anderes. Ich hatte mit einer älteren Version gearbeitet und war wirklich verblüfft. Plötzlich brauchte ich mich nicht mehr stundenlang durch das Chaos meiner exportierten Daten aus Pro Tools zu arbeiten – die Sache war jetzt im Handumdrehen per Tastendruck erledigt. Während ich mir eine Tasse Tee genehmigte, wurden 30 Spuren mit Streichern in fünf Notenzeilen zusammengelegt. Für jeden, der MIDI und Notation verbindet, ist dies sehr wichtig.“
„Um noch einmal deutlich zu machen, wie groß die Zeitersparnis ist: Kurz vor dem Aufkommen von IMI hatte ich die Musik zu einem 105-minütigen Film komponiert - Musik für einen epischen Action-/Fantasyfilm für ein 90-köpfiges Orchester mit über 30 Cues. Mit dieser Funktion hätte mein Team bei der Konvertierung und Bereinigung einer Session zwei bis drei Stunden Zeit pro Cue sparen können. Hochgerechnet auf den gesamten Film hätten wir mindestens eine Woche Zeit gespart.“
Dem Team von Franglen gehören auch die Orchestratoren Steven Baker und Graham Foote an. „Graham überwacht die Übersetzung in Sibelius, aber eigentlich ist Steven ein echtes Sibelius-Genie“, berichtet er. „Wir haben Vorlagen für Vienna Ensemble Pro und Pro Tools, die ich für das jeweilige Projekt optimiere. Vielleicht spiele ich etwas in Pro Tools ein, und wenn ich es für gut befinde, spiele ich es in Sibelius ein oder ich verwende hierfür die Tastatur. Auf diese Weise stimmt mein Partiturentwurf mit meinem Modell überein, sodass ich sehe, was passiert. Ich übergebe das dann an Steven oder Graham, damit sie die Kontrolle übernehmen. Sibelius in Verbindung mit Pro Tools funktioniert für uns alle sehr gut.“
Das neueste Stück von Franglen, The Birth of Skies and Earth, ist ein 94-minütiges Werk mit einem chinesischen Libretto (Mandarin). An der Uraufführung waren 176 Musiker beteiligt: ein 90-köpfiges Orchester, einschließlich Guzheng und Xiao-Flöte, ein Chor mit 80 Sängern sowie 6 Solisten. „Dieses Projekt kam aufgrund eines Werks zustande, das ich vor ein paar Jahren geschrieben habe und das immer noch in Shanghai läuft; ein immersives 3D-Stück, bei dem 4 ineinandergreifende Orchester durch einen Torus von 244 Lautsprechern spielen und das zurzeit im höchsten Kunstraum der Welt im 126. Stock des Shanghai Tower – auf 600 Meter Höhe – aufgeführt wird“, erzählt Franglen. „Bei der Shanghai Media Group und dem Shanghai Orchestra of Light kam das Stück wirklich gut an. Sie beauftragten mich, ein groß angelegtes Oratorium nach einem Libretto von einigen der besten Dichter von Shanghai zu komponieren. Es sollte ein auf den Schöpfungsmythen und Legenden Chinas beruhendes musikalisches Epos werden, vom Chaos am Anfang des Universums über die Erschaffung von Himmel und Erde bis hin zur Entstehung Chinas. Bei diesem Stück geht es um Riesen, Drachen, Phönixe, ja sogar die Entstehung der chinesischen Schrift und Musik. Die Aufgabe machte sehr viel Spaß und war extrem anspruchsvoll – alles, was man sich von einem Projekt erhofft.“
Beim Musizieren im Ensemble müssen alle wissen, welche Noten sie spielen oder singen sollen. Hier kommt die Notation – und damit Sibelius – ins Spiel.
SIMON FRANGLEN, KOMPONIST
„Unser erstes großes Problem: Wir brauchten zwei verschiedenen Formen von Mandarin für die Singstimmen. Um schneller arbeiten zu können, brauchte ich eine Version in Pinyin (westlichen Zeichen), für die Solisten und Chorsänger dagegen mussten die jeweiligen Stimmen in Hanzi-Logogrammen (chinesischen Schriftzeichen) vorliegen. Sibelius sorgte bei diesem Projekt für die Vereinheitlichung. Franglen merkt an, dass Sibelius vielfach von chinesischen Orchestermusikern verwendet wird. „Im Orchesterbereich verwenden alle, mit denen ich in China zusammengearbeitet habe, Sibelius“, berichtet Franglen. „Ich habe Vorlesungen an chinesischen Universitäten und Konservatorien gehalten und nie erlebt, dass jemand etwas anderes als Sibelius verwendet. Ich denke, Sibelius ist zum Standard geworden und damit für Einrichtungen wie Musikkonservatorien oder Universitäten das einzige infrage kommende Produkt. Die chinesischen Sibelius-Notengrafiker, die an The Birth of Skies and Earth mitwirkten, haben wirklich, wirklich gute Arbeit geleistet.“
Für The Birth of Skies and Earth mussten wir viel zwischen London, Los Angeles und Shanghai hin- und herreisen. „Nach der Orchestrierung in London mussten wir eine Master-Partitur mit einer Demo-MP3 aus der Sibelius-Ausgabe (über ein Pro Tools Mockup oder NotePerformer von Wallander) erstellen, alle Stimmen der Chorsänger und Solisten sollten dabei in Pinyin geschrieben sein. Diese Partitur wurde an die örtlichen Kopisten in Shanghai gesendet. Dort wurde sie korrekturgelesen und den Chorstimmen wurden chinesische Schriftzeichen hinzugefügt. Anschließend wurde mit den Dichtern geprüft, ob ich nicht zu viel Chaos verursacht hatte. Es waren lediglich ein paar kleinere Korrekturen nötig“, erläutert Franglen. „Hier zeigte sich, wie gut die Sibelius-Funktion für mehrere Textzeilen ist. Das Team in Shanghai konnte die Versionen in Pinyin und Hanzi perfekt ausrichten, dann wurde das Ganze zur Abschlussprüfung wieder an mich geschickt. Sibelius konnte die chinesischen Schriftzeichen gut verarbeiten, nachdem wir eine chinesische Schriftart gefunden hatten, die allen gefiel. Entscheidend war natürlich, dass wir Nicht-Standardzeichen und -sprachen verwenden konnten.“
The Birth of Skies and Earth wird auch auf einer Tournee mit einem kleineren Orchester aufgeführt, wodurch alles noch komplexer wird. „Letztendlich brauchte ich eine Partitur, die für die Tournee, aber auch für die Premiere und unsere großen Shows perfekt geeignet war“, erklärt Franglen.
Franglen reiste zweimal nach China, um das gesamte Werk mehrere Wochen mit Orchester und Chor einzustudieren. Bei jeder Probenphase fand er Dinge, die er verbessern wollte. „Natürlich wäre ich gerne ein Mozart, dem jede Note beim ersten Mal perfekt gelingt, sodass nie etwas geändert werden muss“, gesteht Franglen. „Tatsächlich sieht man bei den Proben alles wie durch ein Mikroskop. Man bekommt neue, manchmal bessere Ideen, gelegentlich muss man Teile überarbeiten, um das Beste aus der Musik, den Sängern oder dem Orchester herauszuholen.“
„Hier war es sehr hilfreich für mich, dass es in Sibelius möglich ist, während der Arbeit Notizen hinzuzufügen. Während der Proben habe ich hier und da eine Notiz erstellt, um gewisse Dinge zu markieren. Die Zeitzonen kamen mir zu Hilfe. Wenn es in Shanghai Abend war, konnte ich die Partitur an Steven oder Graham schicken, bei denen der Tag in London gerade begann, damit sie für mich in Shanghai über Nacht einige Stellen ändern.
„Mithilfe von Sibelius konnte ich auch Anpassungen vornehmen, als Xu Zhong, der Dirigent, während der Proben anfing, mir ‚Geschenke‘ mitzubringen. Er ist einer der besten Dirigenten, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Er kennt sich wirklich aus. Er schlug vor, das Orchester zu verstärken. Jeden Morgen entdeckte ich daraufhin wunderbarerweise zusätzliche Musiker im Orchester. Wir begannen die Proben mit 40 oder 50 Sängern und einem 60-köpfigen Orchester, am Ende hatten wir 90 Musiker im Orchester und 85 Sänger und ich habe Änderungen vorgenommen, um dies zu berücksichtigen.“